Solarpunk Studio: Zukunftsbau auf der re:publica
Drei Tage lang füllte sich unser Tisch im GIG-Makerspace auf der re:publica mit Visionen. 150 Modelle aus Wachs, Bambus und Stonepaper entstanden, von denen wir hier die Highlights sehen könnt.
Unser Solarpunk Studio funktionierte über Erwartung: Wer kam, baute mit Beenius oder Recyclingmaterial. Wir digitalisierten die Modelle, fügten Kontext hinzu und Sekunden später erschien die Idee als lebendige Solarpunk-Szenerie auf der Wall.
Das Ziel war keine ferne Utopie, sondern machbare, regenerative Architektur aus dem Hier und Heute. Der Kernmoment war die Transformation: Die eigene Handarbeit wurde binnen 60 Sekunden zur glaubwürdigen Welt.

Das Prinzip
Wer an den Tisch kam, baute. Mit Beenius, mit Infinity Stonepaper, mit Flaschenkappen, Strohhalmen, Bambusstäben. Manche mit Plan, viele ohne. Wir fotografierten das Modell, schickten es in die App, ein paar Worte zur Idee, ein Ort, eine Geschichte. Sekunden später erschien das Modell auf der Wall: dieselbe Struktur, jetzt eingebettet in eine Solarpunk-Szenerie, mit Menschen, mit Licht, mit Atmosphäre.
Bewusst keine ferne Zukunft. Keine Hochglanz-Utopie aus dem Jahr 2080. Sondern Architektur, Landschaft, Gemeinschaft, die sich aus dem Hier und Heute entwickeln lässt: regenerativ, machbar, glaubwürdig. Schichtpflanzungen statt Rasenflächen. Bambus statt Stahl, wo es geht. Diverse Communities, warmes Licht, echte Materialien.
Warum das anders ist als sonstige KI
In den meisten KI-Bildwelten beginnt alles mit einem Prompt. Der Mensch tippt einen Satz, die Maschine generiert. Was rauskommt, ist im Kern der Durchschnitt aus allem, was das Modell je gesehen hat. Hübsch, oft beeindruckend, aber im Wesentlichen entkoppelt vom Menschen, der den Prompt geschrieben hat.
Beim Solarpunk Studio ist die Reihenfolge umgedreht. Erst analog, erst Material, erst eigene Idee in einer Form, die jemand mit den Fingern gedrückt hat. Erst dann KI. Sie übersetzt, aber sie liefert nicht die Idee. Die Idee bleibt menschlich.
Das ist nicht nur eine ästhetische Frage, sondern eine substantielle. Wenn Kreativität bei der KI anfängt, sinkt das kollektive kreative Niveau auf das, was die Maschine kann. Wenn wir die Reihenfolge umdrehen und KI als Verstärker für menschliche Ideen nutzen, passiert das Gegenteil. Genau dieser Unterschied war auf der re:publica spürbar, in jedem einzelnen Moment, in dem jemand vor seiner Vision auf der Wall stand.
Was uns überrascht hat
Die Bauqualität stieg, sobald die Leute wussten, dass ihr Modell Teil einer Solarpunk-Welt wird. Was sollte es geben? Was könnte ich erfinden? Was fehlt? Der Rahmen hat den Anspruch gehoben, ohne dass jemand etwas vorschreiben musste.
Besonders Menschen aus Stadtplanung, Zukunftswerkstätten und partizipativen Prozessen blieben am Tisch stehen. Eine Stadtplanerin sagte, sie kämpfe in ihren Beteiligungsformaten seit Jahren damit, dass die Leute sich nichts trauen. Hier traut sich jeder, weil das Material verzeiht und weil am Ende etwas Schönes herauskommt, das ernst genommen wird. Wachs schließt niemanden aus. Kinder, Erwachsene, Menschen, die sich nie als kreativ verstanden haben, alle können mit.
So reichten die Entwürfe und Erfindungen von lustigen Bambuspyramiden, die durchs Weltall fliegen, bis hin zu Ecobility, einem futuristischen Mobilitätskonzept mit neuer Busform, modularen Elementen, öffentlichen Begegnungsräumen und Pflanzen an Bord.
Beenius und Infinity Stonepaper sind Werkzeuge, um Zukunft mitzubestimmen. Sie machen Gestaltung demokratisch. Sie senken die Schwelle so weit ab, dass alle mitmachen können, und sie heben gleichzeitig den Anspruch, weil das, was am Tisch entsteht, ernst genommen wird.
Genau diese Kombination, niedrigschwellig und gleichzeitig anspruchsvoll, ist das, was Beteiligungsformate sonst selten hinbekommen.
Potenziale für weitere Kontexte
Der erste Prototyp war bewusst offen gestaltet. Doch das System entfaltet seine volle Wirkung durch kontextuelle Anpassung. Wir sehen unter anderem folgende Einsatzbereiche:
- Stadtentwicklung und Quartiersarbeit: Anwohner gestalten Plätze oder Straßen direkt mit Wachs. Statt bloßer Post-its auf Karten erleben sie sofort eine realistische Visualisierung ihrer Ideen.
- Schulen und Bildungseinrichtungen: Schüler entwerfen Pausenhöfe oder Lernorte. Die Verbindung von Handarbeit und KI-Architektur schafft eine Identifikation mit dem Lernort, die klassische Gremien nicht erreichen. Hier greifen unsere PLAYtoGROW-Methode und Permakultur-Prinzipien ineinander.
- Unternehmen und Organisationen: Teams modellieren regenerative Transformationen ihres Campus haptisch statt per PowerPoint. Wer das eigene Gelände als essbares Ökosystem visualisiert sieht, entwickelt einen neuen Blick auf die Machbarkeit.
- Ländliche Gemeinden: Für Dörfer im Strukturwandel bietet das Studio einen barrierefreien Zugang zu Beteiligungsprozessen, die kulturell und sprachlich dort ankommen, wo klassische Formate oft scheitern.
Wir sind Teil vom Global Innovation Gathering (GIG)

Das Global Innovation Gathering (GIG) ist ein vielfältiges, globales Netzwerk von Innovation-Hubs, Makerspaces und Graswurzel-Innovatoren aus über 55 Ländern, mit einem Fokus auf den Globalen Süden. GIG fördert Projekte, die durch offene Technologien und gemeinschaftsbasierte Prozesse regenerative Lebensweisen direkt in den Communities ermöglichen, wie etwa die Make-A-Thek zur Umwandlung von Bibliotheken in zirkuläre Makerspaces, Open-Source-Geräte zur Bodenanalyse (Soil Measurement Devices) oder die Entwicklung lokaler Open-Hardware-Lösungen aus den Ländern der globalen Mehrheit.
Das Netzwerk ist unterstützenswert, weil es niedrigschwellige, oft Open-Source-Werkzeuge und Wissen schafft, die konkrete, zukunftsweisende Lösungen liefern, die in Europa oft erst in Jahren diskutiert werden. Es ermöglicht durch globale Zusammenarbeit und Wissensaustausch eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft.
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